Das süße Leben ist ganz nah …

… und zwar in Grado. Die charmante Halbinsel im Friaul ist aber alles andere als ein typisch italienischer Ferienort. Schon Julius Cäsar kam gerne hierher.

Spätestens wenn man sich auf der Dammbrücke befindet, die Grado mit dem Festland von Aquileia verbindet, muss man die Autofenster öffnen und genüßlich den Duft des Meeres einsaugen, der von der umgebenden, insgesamt rund 12.000 Hektar großen Lagune aufsteigt … Das allein reicht völlig aus, um alle Sinne aufs Dolce-Vita-Feeling zu polen. Der Anblick der kleinen Inseln und schnuckeligen Fischerboote im glitzernden Wasser rund um die „Sonneninsel“ tut sein Übriges.

ZUFLUCHTSORT UND SONNENINSEL

Die Geschichte der Halbinsel Grado und des nahe liegenden Aquileia reicht bis in die Römerzeit zurück – in eine Zeit, als es Venedig noch gar nicht gab. Der Name wurde abgeleitet vom lateinischen „Gradus“ (Hafen). Bereits Julius Cäsars Flotte nutzte Grado als Anlegestelle und von dort aus die wechselnden Adria-Winde (Bora aus Nord­ost und Scirocco aus Südost) zum Segeln. Als die Hunnen unter Attila einfielen, suchten die Aquileianer auf der Lagune von Grado Zuflucht – das war die Geburtsstunde der heutigen „Sonneninsel“.

Der Name deshalb, weil Grado die einzige Stadt an der Adria ist, an der alle Strände nach Süden ausgerichtet sind und daher den ganzen Tag Sonne genießen. Die drei Strandabschnitte, der Hauptstrand „Spiaggia Principale“, die „Costa Azzurra“ und der Strand im etwas abgelegeneren Grado Pineta sind großteils durch eine gemauerte Promenade miteinander verbunden – lange Spaziergänge direkt am Meer gehören in Grado einfach dazu.

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Aber wieder zurück in die Vergangenheit: Vom Spätmittelalter bis 1797 gehörte Grado zur Republik Venedig, nach deren Untergang ging die Stadt ans Habsburgerreich über. Anno 1892 verlieh Kaiser Franz Joseph dem Fischerort das Prädikat „Kur- und Badeanstalt“, und Grado wurde zum kaiserlich-königlichen Seebad ausgebaut. So etablierte sich der Fischerort als beliebter Treffpunkt des k.u.k. Bürgertums, von Offizieren, Adeligen sowie Architekten. Nicht umsonst findet man auch heute noch jede Menge österreichischen Stil in Grados Architektur.

Auch die klassischen Grado-Jugendstilbilder aus der Zeit um 1900 (zu sehen z. B. auf dem Cover unseres Buchtipps!) stammen aus der Hand eines Österreichers – nämlich von Josef Maria Auchentaller, einem der damals berühmtesten Künstler und Gründungsmitglied der Wiener Secession, der 1903 mit seiner Frau nach Grado übersiedelte, das berühmte Hotel Fortino führte und das gesellschaftliche Leben in Grado prägte. Nach Ende des Ersten Weltkrieges gelangte Grado schließlich wieder in italienische Hand.

In den 60er- und 70er-Jahren tobten sich die Architekten in Grado aus – die dadurch entstandenen Betonbauten stehen im krassen Gegensatz zu dem, was man im Herzen Grados findet. Nämlich eine bezaubernde, intakte Altstadt. Schmale, verwinkelte Gäss­chen, durchsprenkelt mit gemütlichen, kleinen Bars und Trattorias, die es schwer machen, sich für eine von ihnen zu entscheiden.

Bevor man sich den italienischen Häppchen und edlen Tropfen widmet, sollte man jedoch noch etwas Sightseeing betreiben – denn die Basilika Sant’Eufemia, Herzstück der Insel und ein komplett erhaltenes Juwel aus Zeiten der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert, sowie gleich daneben die frühchristliche Basilika Santa Maria delle Grazie im syrischen Stil sind durchaus einen Abstecher wert. Auf der Piazza Biagio Marin kann man die Ausgrabungen der Basilika delle Corte aus dem 4. Jahrhundert inspizieren, und ein Geheimtipp für leidenschaftliche Sightseer ist die Kaisertür zum Strand, abseits der typischen Spazierwege. Die im Jugendstil gehaltene Tür wurde damals eigens für Kaiser Franz Joseph als Abkürzung zum Hauptstrand eingebaut.

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GENUSS AUF GRADESISCH

Rund 8.400 Einwohner zählt die Stadt Grado und ist deshalb – im Gegensatz zu anderen Ferienorten an der Adria – auch außerhalb des Sommers nicht ausgestorben und somit einen Besuch wert, etwa um den Weihnachtsmarkt und die um Weihnachten überall im Ort verteilten, teils riesigen Krippen zu bewundern. Oder natürlich, um sich durch die italienische Küche zu kosten – schließlich hat Essen in Italien einen ganz besonderen Stellenwert! Dass man auf einer Insel in der Adria feinste Fischgerichte serviert bekommt, steht außer Diskussion. Wer in Grado ist, sollte sich aber eine Spezialität unbedingt auf der Zunge zergehen lassen: das traditionelle Boreto, einstiges Hauptgericht der Fischerfamilien und simpel in den Zutaten (Fisch, Knoblauch, Salz, Pfeffer, Weinessig, Polenta) – dafür umso besser im Geschmack.

Das genialste Boreto soll es Stimmen zufolge im Ristorante Da Ovidio geben. Wer sich in Sachen Fisch durchkosten möchte, sollte auch die Trattoria alla Borsa besuchen – dort serviert man (nahezu) alles, was rund um Grado durch die Adria krebst und schwimmt. Für Fischfans empfiehlt sich auch das Zero Miglia, wo man stilecht am Canale nahe der Fischerboote speist. Großartige gratinierte Jakobsmuscheln inmitten der Altstadt gibt’s im Savial.

Wer eher auf Pizza gepolt ist, sollte sich die Pizza Regina im Santa Lucia gönnen – ganz simpel gehalten mit wenig Schnickschnack, dafür gekrönt mit einer geschmeidig-sahnigen Burrata (ein Frischkäse, dem Mozzarella ähnlich, aber innen flüssiger). Prädikat: königlich! Danach unbedingt einen Abstecher in die dazugehörige, urige Bar machen – dort kommen z. B. auch Gin-Liebhaber voll auf ihre Kosten. Tipp: vor dem Abendessen einen Sprizz im La Taca mit Hafenblick. So geht Dolce Vita – ohne Kompromisse!

 

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ANJA FUCHS

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