Dietmar Dahmen im Gespräch: Das Kettensägen- Massaker

Dietmar Dahmen | Foto: pixel&korn
Marketing à la Dietmar Dahmen: Er nimmt sich die Kinder zum Vorbild und kommt auf einem Hai reitend auf die Bühne. Er setzt auf „Survival of the most trusted“ und lässt uns hoffen . . .

Dietmar Dahmen wird nicht einfach zum nächsten Fresh Content Congress kommen – er wird dort erscheinen. Seine spektakulären Auftritte mit Kettensäge sind legendär archaisch und sein Blick auf die Welt revolutionär klar. Wie er zu wichtigen Erkenntnissen kommt und warum sein Buch bereits von der Realität auf die Plätze verwiesen wurde, erzählte uns der Vielreisende beim Telefon-Interview in London. Dass er sich bei dieser Gelegenheit viel Zeit dafür nahm, berechtigte Hoffnung auf eine wirklich schöne neue Welt zu machen, sollte auch nicht unerwähnt bleiben.

Sie widmen Ihr Buch Ihren Kindern, den „Junior-Vulkanen: Sie brennen für alles … testen, erfinden.“ Sollten Kinder Vorbilder fürs Business sein und, wenn ja, warum?
Dietmar Dahmen: Wenn man sich Start-ups ansieht, die gehen oft wie Kinder spielerisch mit den Dingen um. Sie sind risikoaggressiver und haben weniger Angst vor Fehlern – Fortschritt passiert aber nur, wenn man Fehler macht. Kinder sind die Weltmeister der Innovation. Denn die Kindheit ist die größte Ausprobierphase, Kinder erleben laufend Premieren und dieser spielerische Umgang mit großen Aufgaben ist im Business wichtig. Wir akzeptieren zu viel und werden teilweise innovationsblind.

Welche Vulkane brodeln heute in der Wirtschaft am heißesten?
Die Bezeichnung „Vulkanökonomie“ aus meinem Buch habe ich geändert. Nachhaltigkeit – zu diesem Thema werde ich immer öfter für Vorträge und Kongresse gebucht. Es passiert eine Verhaltensänderung, immer mehr Jugendliche achten auf CO2 bei der Ernährung, ­das ergibt völlig neue Anforderungen. Wenn man sich die Entwicklung des Menschen anschaut vom ersten Homo sapiens bis 30.000 Jahre später – wie haben wir das geschafft? Durch Kooperation. Wir kooperieren mit anderen.

Sie arbeiten u. a. mit Archetypen, Märchenbildern, -szenen, um Ihre Botschaft zu transportieren …
Ja, absolut, das ist best storytelling. Es reicht nicht, etwas zu wissen, man muss es auch fühlen. Ich bringe Emotion in die Handlung und diese Bilder schaffen es, durch die Wand der Intellektualisierung durchzu­kommen.

Aus FortSCHRITT wurde FortSPRINT, schreiben Sie in Ihrem Buch und es entsteht der Eindruck, dass Wachstum ein Selbstzweck wird. Wann ist ein Unternehmen heute topfit?
Wir haben es mit mehreren Dingen zu tun: Beim linearen Wachsen gehen die Leute eine Stufe auf der Leiter hoch. Das ist wichtig. Aber heute ändern sich die Leitern, das Wachstum wird horizontal. Früher hat ein Unternehmen eine Leiter hergestellt. Heute kommt der Kunde und fragt: „Kannst du die liefern?“ Der Schweine­bauer wird gefragt: „Kannst du beweisen, dass das bio ist?“ Plötzlich gewinnt der, der das ökologisch beste Auto baut. Das ist neu! Wir werden reaktiv – der Kunde­ sagt an. Unternehmen müssen in Kopf und Körper (Handlungen) flexibel sein. Wie der Boxer Muhammad Ali einst sagte, er „tanzt“ im Boxkampf.

Sie schreiben: „Die beste Strategie ist UND. Die Kombination macht den Trick.“ Wo bleibt der Fokus?
Eine super Frage! Was ist Fokussierung? Ich schaue mir etwas genau an. Der Fokus macht aber blind für das, was am Rand passiert! „Meine Wurst ist die beste!“ reicht nicht. Bei zu starkem Fokus sieht man das Umfeld nicht. Innovationen kommen aber immer vom Rand.

Meinen Sie tatsächlich, dass Slow-Moving Nische ist?
Dass die Welt Fast-Moving ist, wie es im Buch steht, habe ich geändert. Vom Survival of the fittest hin zu fastest sind wir nun zum Survival of the most trusted gekommen. Vertrauen ist ein Riesenthema. Es gibt zum Beispiel ein Start-up, das die Historie von Dingen garantiert. Von der Geschwindigkeit zum Vertrauen – morgen ist es aber vielleicht wieder was anderes. Digitalisierung war bisher da, um den Profit zu maximieren. Das ändert sich gerade und es geht in eine menschlichere Richtung – unser Wohlbefinden wird zum Thema: Das Homeoffice ermöglicht uns flexiblere Arbeitszeiten.

„Fortschritt funktioniert immer kooperativ“ – was bedeutet das für Unternehmen?
Wir lassen uns Pakete schnüren. Durch die Digitalisierung bekommen wir mehr, ohne dass es teurer wird – zum Beispiel auf Spotify oder auch beim Carsharing: Mit dem gemieteten servicierten Auto habe ich gratis einen Parkplatz dazu und ich muss auch nicht mehr tanken. Ein Produkt wandelt sich zum Service. Ein Unternehmen sollte sich also die Frage stellen: Wie ist mein Produkt als Service?

Apropos Spotify: Die durch Tracking perfekt auf meine Wünsche abgestimmte Playlist langweilt mich schnell, die Filterblase engt mich ein. Wo bleibt der Wow-Effekt?
Ich habe kürzlich einen Artikel darüber geschrieben – die 10-Prozent-Chaos-Theorie: 90 Prozent Erwartetes und 10 Prozent Überraschung. Künstliche Intelligenz funktioniert immer im sauberen Umfeld. Beim Schachspiel ist nie jemand besoffen. Das Leben ist aber schmutzig! Der Computer ist 1 und 0 – das Leben ist alles, echtes Leben ist irgendwie dazwischen. Physikalisch gesehen ist am Ende alles Quantenphysik.

Stimmen Sie dem zu, dass einzig Wissenschaft und Kunst nicht von KI betroffen sein werden?
Nein. KI ist nur ein technisches Tool und die Fragen sind: Was macht es mit uns? Was machen wir mit dem? Über die ETH Zürich wurde ein Bergrestaurant mit KI ausgestattet: KI analysiert den Lagerbestand, das Wetter – wenn alle auf der Terrasse sind, braucht es mehr Kellner, die organisiert werden, und so weiter. Der Wirt macht: Party, Stimmung! Die Aufgaben des Wirtes ändern sich also. Vorhersehbare Aufgaben erledigt KI, das Menschliche der Wirt.

Thema Vertrauen: Wem vertraue ich beim Online-Doktor?
Auch die Aufgaben der Ärzte ändern sich. Durch digitales Upgrade können sie sich voll ihren Patienten widmen, die persönlich mit dem Arzt sprechen wollen. Im Gesamtzusammenhang gewinnen letztlich die menschlichen Aspekte durch KI.

CLAUDIA RIEF-TAUCHER

Fresh Content Congress 2020
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Mittwoch, 22. April 2020
Congress Graz

Dietmar Dahmen
Dieser Speaker ist der Rockstar unter den Marketern: Der Wiener Dietmar Dahmen bringt mehr als 20 Jahre Erfahrung in Marketing und Werbung mit, die er in Hamburg, Los Angeles, München, New York und Wien gesammelt hat. Dahmen ist professioneller Speaker, Experte für Disruption bei der European Association of Communications Agencies, Chief Innovation Officer von ecx.io und weltweit ein gefragter Berater und Motivator, für disruptive Marktstrategien mit globalen Kunden und weltweiten Engagements.

Dietmar DahmenBuch
Dietmar Dahmen/Marcus Bond:
Transformation. BAMM!
Murmann Publishers, 2017
dietmardahmen.com

 

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