Genetiker Hengstschläger: Einer, der an uns Menschen glaubt

Hengstschläger | Foto: Udo Titz
Genug von negativen Schlagzeilen und verstörend stupiden Kommentaren auf Social Media? Der bekannte Genetiker Markus Hengstschläger macht uns Hoffnung.

Der mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftler Markus Hengstschläger ist fürwahr kein blinder Schönfärber. Umso erfreulicher sind die Prognosen des gebürtigen Linzers, wenn es um das menschliche Potenzial geht und um unsere Lösungsbegabung. Im VIA-Interview geht er auf die Themen seines neuesten Bestsellers ein.

Herr Hengstschläger, Sie verfolgen, was den Menschen betrifft, einen optimistischen Ansatz. Sind angesichts vieler menschengemachter Probleme (von Terrorismus bis Klimawandel) nicht Zweifel angebracht?
Hengstschläger: Eine Grundaussage des Buches ist: Der Mensch ist weder im Grunde gut, noch im Grunde schlecht. Er ist das Produkt des Wechselspiels zwischen Genen, Umwelt und Epigenetik. Das bedeutet, wir haben sehr viel selbst in der Hand. Das ist eine Chance, aber auch eine Verantwortung. Ob für kleine alltägliche oder große Probleme, ob im Privatleben oder im Berufs­leben, wir müssen die Lösungsbegabung von klein auf fördern und ein Leben lang entfalten. Nur so können wir uns aus der Mitmachkrise bewegen. Der Mensch ist grundsätzlich ein vernunftbegabtes, soziales und lösungsbegabtes Wesen. Wir müssen uns aber vor allem auch in diesen Zeiten auf diese Eigenschaften besinnen.

Durch unseren Instinkt geben wir dem Negativen viel Platz. Das hat uns einst vor Gefahren bewahrt. Heute machen uns die Negativschlagzeilen eher depressiv. Sind wir fit für die moderne Welt?
Hengstschläger: Psychologinnen und Psychologen sprechen von Negativity Bias, wenn sie beschreiben, dass der Mensch sensibler für das Böse als für das Gute ist. Und ein besonderes Interesse des Menschen für alarmierende Situationen hat sich deshalb evolutiv durchgesetzt, weil es unseren Vorfahren das Überleben gesichert hat. Dieser Aspekt wirkt in unserer heutigen Zeit der Entfaltung der Lösungsbegabung aber oft entgegen.

„Angst und Mut ergänzen einander“ ist Ihre Überzeugung. Bitte erläutern Sie näher!
Hengstschläger: Man unterscheidet Furcht vor konkreten Ereignissen von diffuser Angst, die eher ein unbestimmtes Gefühl der Besorgnis darstellt. Um die Lösungsbegabung zur Entfaltung zu bringen, braucht es den richtigen Umgang mit einem förderlichen Verhältnis zwischen Mut und Angst. Wir müssen natürlich immer wieder mutig Neuland betreten um neue Lösung entwickeln zu können und zu viel Angst würde uns dabei behindern oder sogar lähmen. Furcht bzw. Angst haben aber auch einen positiven Nutzen der im Zuge der Evolution in uns verankert wurde. Im Angstzustand werden Prozesse im Gehirn ausgelöst, die neben anderen Reaktionen zur Steigerung der Aufmerksamkeit, der Konzentration und Leistungsfähigkeit führen können. Durch ein bestimmtes Maß an Angst werden außerdem Abwägungsprozesse in Gang gehalten, damit Mut nicht zu Dummheit wird.

Der Turnsaal der Zukunft

Sie unterscheiden zwischen der vorhersehbaren und der unvorhersehbaren Zukunft und finden das sehr anschauliche Bild der Kinder im Turnsaal, denen im zweiten Fall gesagt wird: Es kommen Bälle von irgendwoher, sie müssen gefangen werden. Wie stellt ihr euch auf? Wie sollte nun konkret der Umgang mit einem Virus, das wir erst langsam kennenlernen, das Bälle aus verschiedenen Richtungen wirft, aussehen?
Hengstschläger: Einerseits verwenden wir dafür eine Unmenge an bereits existierenden Wissen und Technologien. Denken Sie nur was geschehen wäre, wenn diese Pandemie in einer Zeit vor der digitalen Revolution, die natürlich dadurch jetzt auch noch beschleunigt wird, gekommen wäre. Andererseits muss man aktuell permanent von der gerade Gestalt annehmenden Zukunft lernen. Das ist ein Prozess, den die Wissenschaft gut kennt, der aber der Bevölkerung transparent gemacht werden muss – im Besonderen immer dann, wenn sich der aktuelle Stand des Wissens durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse ändert. Das Turnsaalbeispiel beschreibt die Kombination aus fokussierten sicheren Strategien und Flexibilität als bestes Konzept auf vorhersehbare und unvorhersehbarere Zukünfte zu reagieren – das führt zur Entfaltung der Lösungsbegabung.

Für Lösungsbegabung brauche es ergebnisoffene, ungerichtete Strategien – unter anderem im Bildungswesen. Wie lässt sich das im zielgerichteten Schulunterricht umsetzen? Welche Skills verlangt die Zukunft von uns?
Hengstschläger: Ich schlage im Buch vor, von Wissen, Bildung und Kompetenzen zu sprechen, die gerichtet und ungerichtet sein können. Bereits existierendes Wissen muss in ausreichendem Maße an die nächste Generation weitergegeben werden. Bereits existierende Lösungen sollen Anwendung finden. Wir müssen und sollen das Rad nicht immer wieder neu erfinden. Das würde den Fortschritt zum Stillstand bringen. Aber für Antworten auf neue Fragen brauchen wir viel ungerichtetes Wissen und unterschiedliche Kompetenzen, wie etwa soziale Kompetenz, kreatives und kritisches Denken, Teamfähigkeit, Entscheidungsfreudigkeit, Motivation, interdisziplinäre Interaktionsfähigkeit u. v. m. Erst durch den Einsatz der Kombination von beidem unterstützt man die Entfaltung der Lösungsbegabung.

Schnittpunkte zwischen den Disziplinen bringen kreative Lösungen hervor, so Ihre Überzeugung: Welche sind die größten Hürden bei interdisziplinärer Arbeit bzw. Forschung?
Hengstschläger: Es gibt viele Ansätze, wie man die Umsetzung von Lösungsbegabung fördern kann. Sie sprechen jetzt den Medici-Effekt an. Dieser Effekt ist nach der Familie Medici benannt, die als Mäzene und innovative Unternehmer über das Fördern der Vernetzung verschiedenster Disziplinen zu bedeutenden Weichenstellern der  florentinischen Renaissance wurden. Man geht davon aus, dass an den Schnittstellen von verschiedenen Disziplinen oder Kulturen, von verschiedenen Menschen, kreative Ideen, Inspirationen und neue Lösungsansätze besonders gut entstehen können. Ich sehe gerade bei diesen Schnittstellen in unserer Gesellschaft oft noch Luft nach oben.

Extra Miles und kreative Geistesblitze

Zusammengefasst aus Ihren zahlreichen Hinweisen im Buch: Wie initiiert man kreative Prozesse, die zu neuen Ideen und Lösungen führen? Reicht eine Joggingrunde?
Hengstschläger: In meinem Buch beschreibe ich eine Reihe von Ansätzen wie man im späteren Leben Lösungsbegabung aktiv halten kann: die Kombination gerichteter und ungerichteter Strategien und Bildung sowie den Medici Effekt haben wir schon angesprochen. Beim Joggen, Spazierengehen, Rasenmähen oder z. B. beim Tagträumen schaltet das Gehirn des Menschen Regionen an, die man Default Mode Network nennt. Es ist hier noch viel Forschung notwendig, aber dieses Ruhezustandsnetzwerk in unserem Gehirn scheint eine wichtige Rolle bei der Entwicklung neuer kreativer Lösungen zu spielen. Nach dem Motto: Die Lösung ist mir beim Joggen eingefallen! Solche Geistesblitze kann man allerdings nur in Bereichen haben, mit denen man sich gerade intensiv beschäftigt.

Was, wenn es nicht darum geht, WIE Menschen Lösungen finden, sondern dass sie es überhaupt WOLLEN? Wie viele Menschen sind bereit, „Extra Miles“ zu gehen für Antworten, zu denen es vielleicht noch nicht mal eine Frage gibt?
Hengstschläger: Man muss von Anfang an darauf achten, dass man Kindern den Lösungsprozess nicht ständig abnimmt, sondern sie selbst an der Findung einer Lösung arbeiten lässt – das fördert die Entwicklung der Lösungsbegabung. Und was ist das für ein Gefühl, selbst die Lösung gefunden zu haben und dafür gelobt zu werden! Wenn das immer wieder ermöglicht wird, prägt das Kinder für ihr ganzes Leben und sie wollen dann immer wieder gerne selbst neue Lösungen erarbeiten bzw. sich an kollektiven Lösungsprozessen beteiligen.

Der Durchschnittsbürger ist kein Wissenschaftler. Wie funktioniert das „beiläufige“, inzidentelle Lernen im Alltag?
Hengstschläger: Es geht dabei darum, unabsichtlich und zufällig zu lernen. Umso mehr man zuhört, sucht, vergleicht, experimentiert und tut, umso häufiger kann man lernen ohne Lernabsicht. Dann spricht man vom sogenanntem inzidentellem Lernen.

Aus dem Buch könnte man schlussfolgern: Wir brauchen für eine gute Zukunft bewegliche, kreative Querdenker, die ihr Wissen nicht in der Hosentasche (Google), sondern im Kopf tragen. Wie bewegt man die nächste Generation dazu, Wissen im Kopf zu speichern, wenn es den „leichteren“ Weg gibt?
Hengstschläger: Daten müssen, um Bedeutung zu erlangen, erst in einen Kontext gesetzt werden. Dadurch entstandene Informationen durch Denken zu einem Bild zusammenzufügen und mit Erfahrungen zu vernetzen, lässt erst Wissen entstehen. Außerdem gibt es explizites Wissen, das man verbalisieren kann, und implizites oder stilles Wissen, das mehr auf Können beruht, das man durch Üben erlangt hat.

CLAUDIA TAUCHER

Hengstschläger | Cover: Ecowin/Udo Titz

Cover: Ecowin/Udo Titz

 

 

Univ.-Prof. Mag. Dr. Markus Hengstschläger
Der vielfach ausgezeichnete Genetiker und international anerkannte Wissenschaftler ist Leiter des Instituts für Medizinische Genetik an der Meduni Wien und Träger des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik.

Sein neuester Bestseller:
Die Lösungsbegabung.
Gene sind nur unser Werkzeug.
Die Nuss knacken wir selbst.
Verlag ecowin.

 

Beitragsbild: Udo Titz