Ralf Schmitt verrät, wie Sie die eigene Ja-Kultur überprüfen!

Ralf Schmitt | Foto: Marco Grundt
Spontan, erfolgreich! Ralf Schmitt spricht über „Navitution®“ und warum wir im Business sowohl Planung als auch Intuition brauchen.

RALF SCHMITT ist Moderator, Autor und Speaker. Der Hamburger schrieb gemein­sam mit Torsten Voller 2010 den Bestseller „Ich bin total spontan, wenn man mir rechtzeitig Bescheid gibt“ und fand darin den Begriff Navitution® für die Kombination aus Plan und Intuition, die auch im Businessalltag federführend sein sollte. Schmitt ist künstlerischer Leiter und Trainer der ImproHotels und Geschäftsführer der Impulspiloten GmbH – Die Experten für unkon­ventionelle Business- Events.

Wie hat sich Ihr Beruf aus dem Impro-Theater entwickelt?
Ich bin über meine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker und mein damaliges Hobby, das Improvisationstheater, auf die Bühne gekommen. Mein Wissen über die internen Strukturen von Veranstaltungen und meine Fähigkeiten auf der Bühne zwar gut vorbereitet zu sein, aber jederzeit flexibel auf das Publikum reagieren zu können, haben sich in den Bereich Moderation von Live-Events weiterentwickelt. Dabei habe ich gemerkt, dass sich mein Leben alle drei bis fünf Jahre immer wieder komplett verändert. Ich stehe also für Veränderung und den entspannten Umgang damit. Ausschließlich Impro-­Schauspieler zu sein, wäre für mich zu statisch. Stattdessen lassen sich die Regeln der Flexibilität und Improvisation sehr erfolgreich in das Privat­leben aber vor allem auch in den Business-Kontext übertragen. Als Weiterentwicklung habe ich 2015 die Impulspiloten GmbH gegründet. Mit meinem Team sind wir die Experten für unkonventionelle Business- Events. Wir gestalten inhaltliche Bühnenformate und -programme mit überraschenden Ansätzen.

Ist Spontaneität im Business wirklich wichtig? In welchen Situationen besonders?
Ich bin kein Fan von Schlagfertigkeitstrainings. Meine Allzweckwaffe, mit der man keinen Schaden anrichtet, aber trotzdem schnell reagieren kann, ist eine Gegenfrage: „Wie hast du das jetzt gemeint?“ „Was willst du mir damit genau sagen?“ Damit spiele ich denn Ball zurück und gewinne etwas Zeit zum Nachdenken.

Gehen wir davon aus, dass nicht jeder witzig sein will oder kann. Was aber steht der Spontaneität im Wege? Anders gefragt: Was braucht es, um spontan sein zu können?
Spontaneität hat nicht unbedingt etwas mit Humor zu tun. Es geht vielmehr darum, flexibel in unvorhergesehenen Situationen reagieren zu können. Was uns davon abhält? Meistens die Angst, etwas falsch zu machen. Wer flexibel ist, der hat Lust daran, auszuprobieren und akzeptiert damit gleichzeitig die Möglichkeit zu scheitern. Flexible Menschen sind open-minded und offen dafür, alles mitzunehmen, was ihnen das Leben so bietet.

Was hat Flexibilität mit Kreativität zu tun? Sind nüchterne Denker immer unspontan?
Nein, gar nicht! Auch flexible Menschen haben einen Plan und Ziele. Der Unterschied liegt nur darin, dass sie die unvorhergesehenen Faktoren, die auf dem Weg zum Ziel auftauchen, flexibel integrieren und den ursprünglichen Plan entsprechend anpassen können. Ich nenne diese Fähigkeit Navituition®.

Sie haben in einem Interview gesagt, Spontaneität könne auch von Nachteil sein. Lassen sich solche Situationen verhindern?
Wenn mir spontan nur böse Dinge in den Kopf kommen, können mich solche Gedanken auch weiterbringen, denn sie tauchen ja nicht ohne Grund auf. Sie dürfen nur nicht verletzend sein. Was bei aller Spontaneität ganz sicher hilft: der gesunde Menschenverstand. Einfach noch einmal drüber nachdenken.

Kann man im Business auch schlecht ankommen oder unstet wirken, wenn man spontan ist?
Wenn man ständig seine Richtung wechselt – ja. Hier stellt sich die Frage nach den eigenen Werten, innerhalb derer man sich bewegt und an denen man sich bei jeder Entscheidung orientiert.

Seit Jahrzehnten predigen uns Lebenshilfebücher, wir müssten lernen, Nein zu sagen. Sie raten dazu, Ja zu sagen …
Mir geht es darum, dass wir uns unseres Angst-Neins bewusst werden. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass jede Situation, in der wir auto­matisch Nein sagen, auch gleichzeitig eine tolle Möglichkeit beinhalten kann, zu wachsen, etwas zu erleben und uns weiterzuentwickeln –
auch, wenn es schiefgeht. Wenn wir das Scheitern als realistische Option mit einkalkulieren, ist es am Ende gar nicht so dramatisch, wenn es tatsächlich mal passiert. Und wir haben im schlimmsten Fall hinterher etwas zu erzählen. 😉

Menschen brauchen Routine, aber auch Überraschungen. Gibt es Zahlen, wie genau das Verhältnis aussieht?
Zu diesem Thema empfehle ich das Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahneman. Hier werden die zwei Denkweisen unseres Gehirns sehr schön beschrieben; der emotionale Teil im Gegensatz zum logisch-berechnenden. Dabei geht es auch um die Frage, wie wir uns mit Plänen nur in vermeintlicher Sicherheit wiegen – denn die meisten Faktoren sind vorab unbekannt und starre Pläne daher obsolet.

Was sollen wir von Ihnen mit in unser Business nehmen?
Ich wünsche mir, dass das Congress­publikum die eigene Experimentierkultur und auch die Ja-Kultur überprüft, um den ersten Schritt zu machen, flexibler und damit gleichzeitig mit mehr Spaß durch’s Leben zu gehen. Es lohnt sich!

CLAUDIA RIEF-TAUCHER

INFO + KONTAKT
Ralf Schmitt, Hamburg, Deutschland
schmittralf.de | impulspiloten.de

BUCHTIPPRalf Schmitt
Wann sind Ängste völlig nutzlos und schaden der Entwicklung und unserem Leben? Wie stehen wir souveräner im eigenen Lebensdrehbuch da, weil wir die Fäden selbst in der Hand halten? Um die Kontrolle über unsere Ängste zu bekommen, lohnt es sich anzu­schauen, wo unser Urinstinkt herkommt, ob er auch einen Sinn hat und was wir ihm ­tatsächlich Positives abgewinnen können. Dann entscheiden wir selbst, ob wir das zitternde Kaninchen-Ich ins Rampen­licht schicken oder doch lieber das Fellkostüm ablegen. Ralf Schmitt und Mona Schnell helfen dabei zu entdecken, welcher Kaninchen-Typ in uns steckt und wie wir einen lebens­werteren Weg einschlagen können.

Ralf Schmitt, Mona Schnell:
Kill dein Kaninchen! Wie du irrationale Ängste kaltstellst
Verlag GABAL, 2018

 

Beitragsbild: Marco Grundt