Vom Runden im Eckigen

Oft bringen uns gerade die größten Herausforderungen weiter, treiben uns an und verhelfen zur höchsten Kunst. Auch die Künstlerin Veronika Erhart wächst am kantigen Widerstand.

My Cube: Die Seitenflächen des „Würfels” bestehen aus geklebten Druckplatten-Alustreifen. Farben und Worte schimmern durch – ein feines Kantenspiel, das dem Gesamtobjekt Leichtigkeit verleiht. (Foto: Andreas Hauch)

„Es ist eigentlich spannend, dass ich das mache“, schüttelt Veronika Erhart den Kopf, „das Material ist hart, dünn und scharfkantig, man schneidet sich selbst leicht daran.“ Widerspenstig und, wenn man so will, unnahbar ist das Material, dem sich die in der Weststeiermark lebende Künstlerin verschrieben hat. Aluplatten aus dem Offsetdruck, in Streifen geschnitten. Je nach Weiterverarbeitung mal in breitere – für My Cube –, mal in schmälere, wie für die Arbeiten mit dem Titel Memory (siehe nächste Seite). Doch für Erhart ist es eben die höchste Kunst, gerade aus dieser Widerspenstigkeit eine weiche Anmutung zu formen, vielleicht sogar zu zaubern. „Es ist für mich eine Herausforderung, in so einer reduzierten Geradlinigkeit und Ästhetik etwas zu machen, das ein gutes, rundes Gefühl macht“, versucht die Künstlerin ihren Zugang plausibel zu machen. Was soll man dazu anderes sagen als: wo die Liebe hinfällt.

Innen und außen

Dabei startete die kreative Ausbildung der gebürtigen Salzburgerin mit weichen Materialien. Sie ist Mode- und Textildesignerin mit Meisterprüfung als Damen-Kleidermacherin. Trotz eines lukrativen Angebots aus Italien übte sie diesen Beruf nie aus – das Leben zieht eben so manche Überraschung aus dem Ärmel, die man dann dankbar annimmt. Lange arbeitete Erhart bei einem Architekten und beschäftigte sich in dieser Zeit mit Restaurierung und der illusionistischen Malerei, Trompe-l’œil. Grundsätzlich wäre Architektur – innen und außen – ebenfalls ein Thema für sie gewesen. Textilkunst jedoch, worauf man ihrer Ausbildung nach schließen könnte, kam für die Wahlsteirerin nie infrage: „Zu weich.“

Farbenspiel mit Lacken auf Offsetplatten – so bringt Erhart eine weiche Anmutung ins kantige Material. (Foto: Hermann Seidl)

Reduziertes, Minimalistisches

Holzpaletten, Metallplatten aus dem Offsetdruck – das war schon eher ihre Kragenweite. Die sperrigen, schweren Kunstwerke – My Cube bringt immerhin 300 Kilogramm auf die Waage – werden niemals der zierlichen Künstlerin zugeschrieben. So kann man sich eben täuschen. Erhart will die kantigen Materialien auch immer selbst bearbeiten. „Stahl finde ich auch toll“, gibt sie zu Protokoll, und „je dünner die Offsetplatten geschnitten sind, desto weicher sind sie“. Mittlerweile verzichtet die Künstlerin auch auf farbige Lackierung, setzt das Minimalistische, die Reduktion in Szene: „Das Wesentliche ist da, aber eben reduziert.“

Das Stieglerhaus in St. Stefan ob Stainz, wo wir die Künstlerin zum Interview bitten, hat für sie gleich mehrfach besondere Bedeutung: Zum einen traf sie dort vor vier Jahren ihren zukünftigen Ehemann, den bekannten Schauspieler August Schmölzer, Initiator dieses Zentrums für Kunst, Kultur und Bildung, wo seitdem regelmäßig kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Zum anderen bringt Erhart die bildende Kunst in das Haus, das sich direkt neben der Kirche im Ort befindet, und auch in dessen Garten: So übersiedelte ihr Werk My Cube von Salzburg in die Weststeiermark.

 

„Männliche und kühle Materialien sprechen mich an. Es ist große Kunst, damit stimmige, ‚runde‘ Arbeiten zu gestalten.“ – Veronika Erhart

Memory – Alu-Buffer: Fest verschnürt, sperrig, hart und scharfkantig sind Erharts „Pakete” aus in Streifen geschnittenen Druckplatten. Sie ziehen uns ob ihrer scheinbaren Weichheit an und sind gleichzeitig aber „unberührbar”. (Foto: Erhart)

ORTART2021 im Stieglerhaus

Außerdem konnte sie mit dem laufenden Kunstprojekt „OBE und UMI“ bereits zahlreiche Einwohner von St. Stefan für die künstlerische „Mitarbeit“ begeistern: Es handelt sich dabei um die Halslinien der von Erhart fotografierten St. Stefaner. Sie selbst haben diese nachgezeichnet und die Linien überträgt die Künstlerin auf Glasplatten, projiziert sie aber auch auf die Wand. Die Teilnehmenden finden auf diese Art einen Teil von sich im Stieglerhaus wieder. Brandaktuell veranstaltet hier Veronika Erhart eine Gruppenausstellung zum Thema Luft: Zehn Künstler aus der Steiermark stellen an zehn Orten in und um das Stieglerhaus Werke vor, die eigens dafür entstanden sind. Unter dem Titel ORTART2021 startet die Künstlerin damit ein biennales Format.

Gleichzeitig findet am Tag der Eröffnung auch eine Prämierung statt: Die Jury, bestehend aus Benedikt Steinböck (Galerie Leonhard, Graz), Heidrun Primas (langjährige Präsidentin Forum Stadtpark) und Gudrun Danzer (Kuratorin Neue Galerie Graz), wird am Tag der Vernissage die Kunstwerke prämieren. Die teilnehmenden Künstler an.thon, Stefan Glettler, Daniel Hafner, Stefanie Holler, Luise Kloos, Renate Krammer, Andrea Sadjak, SizeTwo, Christian Strassegger und Rebecca Unz decken mit Fotografie, Graffiti, Malerei, Grafik, Skulptur, Keramik, Zeichnung, Videokunst und Installation eine riesige Bandbreite der bildenden Kunst ab. Die Werke sind zwei Wochen lang im Stieglerhaus zu sehen, dazu erscheinen ein Katalog und auch ein Film.

Und danach …? Wird Veronika Erhart wieder das Runde ins Eckige bringen, so lautet der Plan: „Ich vergrabe mich sechs Monate in meinem neuen Atelier und arbeite intensiv an meinen eigenen Werken!“

CLAUDIA TAUCHER

 

Beitragsbild: Veronika Erhart