Herzerl in den Augen

Herzerl in den Augen
Wer für die italienische Renaissancestadt Florenz entflammt, muss nicht Dante gelesen haben. Ein Blick vom Piazzale Michelangelo aus genügt.
Herzerl in den Augen

Die goldene Mosaik-Decke im Inneren der Kuppel gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. (Foto: Stefano Cellai/ Shutterstock)

Vorweg: Wir kommen wieder hierher – genau genommen immer wieder gerne! In Florenz lustwandeln alle, die mit den Augen genießen, mitten in der Kunst. Beim Anblick der prächtigen Marmorfassaden in Weiß und Grün springt der erste Funke über, die eleganten Palazzi entfachen lustige Flämmchen in uns und spätestens in den Uffizien, im Boboli-Garten oder auf dem Michelangelo-Platz (wir können uns nicht entscheiden) lodert diese mächtige Flamme, von der der berühmte Florentiner Dichter Dante Alighieri schrieb, bereits lichterloh in unseren Herzen.

„Eine mächtige Flamme entsteht aus einem winzigen Funken.“ (Dante Alighieri)

Die Toskanastadt ist wie geschaffen für (Kunst-)Genussreisende, deshalb raten wir dringend dazu, Zeit mitzubringen: für die Anreise, aber auch für einen ausgedehnten Aufenthalt, der diese Schatzkiste der Toskana gebührend würdigt. Wer sich mit dem Auto wie wir Zeit lassen kann, hat die Möglichkeit, die etwa siebenstündige Fahrt aufzuteilen und beim Zwischenstopp in Venedig oder auch an der Proseccostraße bei Valdobbiadene Energie zu tanken. Ebenfalls bewährt hat sich in unserer VIA-Redaktion die Ankunft zum Frühstück am Bahnhof Santa Maria Novella. Der erste Blick nach einer gemütlichen und umweltfreundlichen Übernachtung im Nightjet fällt dann auf die gleichnamige Dominikanerkirche, die Gotik (Innenraum) und Renaissance (Fassade) vereint. Nur einen kurzen Spaziergang entfernt kann man bereits entspannt am Ufer des Arno Steine hüpfen lassen oder auch staunend vor dem Dom Santa Maria del Fiore und der Taufkirche, dem Baptisterium, stehen. Je nachdem, wie aufnahmefähig man bereits ist. Dass in Florenz praktisch alle Schönheiten zu Fuß zu erreichen sind, begeistert alle, die mit Herzerl in den Augen, erhobenem Kopf und staunend mit geöffnetem Mund verliebt durch die Stadt stolpern – verliebt in Florenz, denn steht man vor einem Kunstwerk und biegt um eine Ecke, wartet bereits die nächste kunstvolle Sensation. In atemberaubender Dichte sind vor allem die Renaissancebauten in der City zu erleben und wer hier den Kopf nicht von seinem Handy hebt, verschickt wohl gerade jede Menge Fotos seiner prachtvollen Eindrücke inklusive Emojis mit Herzerlaugen an die Daheimgebliebenen.

Herzerl in den Augen

Michelangelos David in der Galleriadell’ Accademia in Florenz – nur für mich allein: Fotos dieser Art sind selten und nur zu Covidzeiten möglich. (Foto: Kopeter)

Florenz, „die Blühende“, in dieser Zeit genießen zu dürfen, sehen wir als Privileg, denn normalerweise ist die Stadt rund ums Jahr außerordentlich gut besucht, um nicht zu sagen, überrannt – in Pandemiezeiten hat man sogar die Möglichkeit, in der Galleria dell’ Accademia allein voller Bewunderung Michelangelos 5,17 Meter hohen Krieger David zu umkreisen und ein exklusives Foto/Selfie zu erhaschen. Denn nur in der Galleria haben wir es schließlich mit dem Original zu tun – die Skulpturen vor dem Palazzo Vecchio (wo die Marmorfigur ursprünglich stand) und auf dem Piazzale Michelangelo sind Kopien.

Also wagen wir es auch, zu früher Morgenstunde die Uffizien zu besuchen, für die man sich üblicherweise ebenso anstellen muss. Auf jeden Fall wollen wir auch die weltberühmte Venus von Sandro Botticelli sehen bzw. ihre Geburt aus der Muschel. Kein Geheimnis, dass man hier beeindruckende Stunden verbringen kann, gehören die Uffizien doch zu den bedeutendsten Museen der Welt.

Der Dom mit Campanile und Taufkirche, ein Ensemble, das für uns gleich um die Ecke des sehr gemütlichen Stadthotels günstig liegt, beeindruckt bereits durch die „bunten“ Fassaden aus weißem und grünem Marmor – allerdings sollte man es in voller Pracht auch innen genießen. Den Turm wegen der grandiosen Aussicht, die zwischen dem 4. und 8. Jahrhundert (!) gebaute Taufkirche wegen ihrer atemberaubenden Mosaike und vor allem die Domkuppel, weil sie eine architektonische Meisterleistung von Brunelleschi darstellt: Als Besucher erklimmt man die zweischalige Kuppel nämlich tatsächlich zwischen diesen beiden Schalen über eine relativ enge Treppe. Ein großartiger Aufstieg zu einem ebensolchen Ausblick.

Herzerl in den Augen

Ein Wunder der Technik: 16 Jahre dauerte der Bau der Kuppel der Basilika Santa Maria del Fiore. Mit 45 Meter Durchmesser baute sie Filippo Brunelleschi im 15. Jahrhundert zweischalig, weshalb sie sich immer selbst trug (und trägt!). (Foto: Wallteri Paulaharju/ pixabay)

Man könnte noch stundenlang über die Kunst schwärmen, wären da nicht noch zwei weitere Argumente, die absolut für Florenz sprechen: die wunderbare Gastfreundschaft der eleganten Florentiner und die Küche, die sich wesentlich von all dem, was man so aus Oberitalien kennt, unterscheidet. In den Neunzigerjahren musste man in Florenz eine Pizza suchen, bis man einsah, dass es viele schmackhafte „Alternativen“ gibt – für Fleischfans ist diese Stadt traditionell ein Dorado, aber Florenz ist auch mit den gängigen Ernährungstrends gewachsen.

Wer von Bruschette, Bistecca alla fiorentina oder deftigen Eintöpfen inklusive Chianti und dem Dessert mit Mandelgebäck und Vin Santo gut satt ist, wirft sich wie wir auch gerne ins Modegetümmel. Dem eleganten Florentiner Style sei Dank kann man aus dem Vollen schöpfen: An der Riesenauswahl feiner Lederwaren gehen wir genauso wenig vorbei wie an den Boutiquen der ganz großen Modemarken. Für ein etwas günstigeres Shoppingerlebnis raten wir, die Marken-Outlets außerhalb von Florenz aufzusuchen, wo die großen italienischen Designer von Armani über Ferragamo und Gucci bis Valentino quasi ab Fabrik erhältlich sind.

Noch wertvollere Souvenirs findet man auf der „alten Brücke“ Ponte Vecchio, die – und hier sind wir wieder bei Stil und gutem Geschmack – die winzigen Geschäfte großartiger Goldschmiede aneinanderreiht. Wer bisher noch keine Herzerl in den Augen hatte, bekommt sie nun mit Sicherheit … Und weil so viel Schönheit süchtig macht, ist der nächste Besuch der ehrwürdigen „Blühenden“ bereits in Planung.

(Edith und Harald Kopeter, aufgezeichnet von Claudia Taucher)

 

Beitragsbild: Alex Mastro/ shutterstock