Welsch Rieslinge Überraschung!

Der Welschriesling: ein Klassiker, dem man außer Klassischem wenig zutraut. Ein Fehler. Das zeigte die VIA-Verkostung am Weingut LacknerTinnacher.

Frisch, saftig, steirisch – so kennt und liebt man ihn. Den Welschriesling. Oder auch nicht – sagt Winzerin Tamara Kögl aus Ratsch an der Weinstraße. „Manche wollen ihn direkt auslassen beim Verkosten.“ Weil man von ihm nicht viel erwarten kann? Der Welschriesling ist ein langweiliger Wein, den es eben auch gibt bei uns? Um zu beweisen, dass das nicht stimmt, bedarf es keiner Worte, sondern einfach eines Schlucks von Tamara Kögls Interpretation: blättrig, frisch und eine belebende Säure, holt Gaumen sowie den Menschen dahinter voll in den Verkostungsraum.

Schließlich steht Welschriesling mitunter auf den besten Lagen der Südsteiermark. Warum? Weil er eine spätreifende Sorte ist, die in den deutlich kühleren 70er- und 80er-Jahren Sonnenhänge brauchte, um bis zur Reife zu gelangen. Der Grund, warum die Rebsorte im Kommen ist, oder schon da, wie Winzerin Katharina Tinnacher bemerkt, ist das Umdenken der Winzer. Warum alte Reben ausreißen, die tief wurzeln und so das Potenzial der Region viel besser widerspiegeln als junge Stöcke? So reicht beispielsweise die Welschriesling-Anlage des Weinguts LacknerTinnacher, die von Urgroßonkel Franz Lackner gepflanzt wurde, in die 70er-Jahre und zum Teil weiter zurück.

Die Reben des Exoten in der Runde, Thomas Straka, Winzer im südburgenländischen Rechnitz, stammen gar aus den 1930er-Jahren. „Ich reiße keine 25 Jahre alten Reben aus“, sagt der Südburgenländer bestimmt. Das sah vor zehn Jahren noch ganz anders aus. „Eine Verkostung mit dem Thema vor zehn Jahren – da wären wir schon lange fertig“, weiß Peter Masser, Winzer aus Leutschach.

„Jeder hätte seinen klassischen Welschriesling mitgebracht und aus.“ Heute überlegen sich die Winzer Wege, um diese alten Reben zu bewahren und ihnen auch im Keller Raum zu bieten, um ihr Potenzial zu entfalten. Denn: „Wenn etwas seit den 30er-Jahren steht und dein Kopf und deine Energie da reingehen, dann wird es die Herkunft immer besser zeigen, egal welche Rebsorte es ist“, so Kathi Tinnacher.

Zudem spiegle Welschriesling den Boden bei ihm schlichtweg am besten wider, so Straka. „Muskateller und Sauvignon blanc schaffen das nie derartig, wie Welschriesling den Boden ins Glas bringt.“ Warum, das weiß er nicht. Es ist einfach so. Und der Boden im Südburgenland schmeckt ganz vorzüglich, zeigt sich. Der Welschriesling Prantner von Straka präsentiert sich salzig, straff. Ausgeschlafen. Und verführerisch. Trinkfluss und Komplexität in einem. „Dieser Welschriesling steht rein auf Grünschiefer. Ein sehr karger Boden. Das merkt man einfach.“

„Jede Rebsorte hat einen anderen Zugang zum Boden. Am liebsten ist es mir, wenn sie im Wein eine Vielschichtigkeit über mehrere Sorten zeigen.

Der Welschriesling kann hier definitiv seinen Teil beitragen“, ist sich Sepp Muster vom Weingut Maria und Sepp Muster aus Leutschach sicher. Es geht um den Weinstil. Und um Erziehung, die Weintrinker auch dahin gehend zu überzeugen. Denn der schlanke Spritz-Welschriesling, wie er in den 70er- und 80er-Jahren gemacht wurde, hat mit diesen Weinen wenig zu tun.

„Wenn man so einen Welschriesling wie ich macht, ist man schon ein bisschen ein Prediger“, lacht Straka. Den Wein einfach so auf den Tisch stellen, das funktioniert nicht. Am Anfang war es schwierig, doch Welschries ling gehört genauso auf die Weinkarte eines jeden guten Restaurants, ist sich der Winzer sicher. „Heute ist das ja auch so. Du bist bekannt für deine ausdrucksstarken Weine“, so Muster zu Straka. „Danke. Mein erstes Holzfass hatte ich ja von dir“, lacht er. „Und bei mir gehen 70 Prozent in den Export. Mir ist damals nichts anderes übrig geblieben. Entweder auf eine andere Rebsorte umschwenken oder andere Vertriebskanäle finden.“ Japan und Frankreich seien dabei sehr wichtige Märkte. Dem kann auch Sepp Muster beipflichten. Seine japanischen Kunden haben sich gleich ein ganzes Fass gesichert.

Der Prophet im eigenen Land

„Vielleicht weil der Welschriesling hier immer noch mit seinem Image zu kämpfen hat“, wirft Kögl ein. Ein leichter Buschenschank-Wein, perfekt zum Spritzen. Keine Frage, das kann Welschriesling auch. Die Betonung liegt dabei auf auch.

Welschriesling ist eine relativ sichere Rebsorte, die auch wunderbar auf Ertrag getrimmt werden kann. Einer der Gründe, warum man in früheren Jahren auf ihn setzte. Dass es aber wenig Sinn macht beziehungsweise gar nicht möglich ist, eine Anlage aus den 50er-Jahren auf Ertrag zu trimmen, leuchtet ein. Lackner: „Die Trauben für unseren Franz Lackner Welschriesling, den wir meinem Urgroßonkel gewidmet haben, sind kleinbeerig und konzentriert. Die haben mit zehnjährigen Stöcken nichts gemein.“ Das schmeckt man auch: Im Glas präsentiert sich die Hommage an den „Opa“, wie ihn alle nannten, subtil elegant, kräutrig und ja, frisch, wie es eben nur ein Welsch­riesling kann. Franz Lackner ist ein entspannter Wein. „Davon würde ich gerne die nächsten zehn Jahre immer wieder ein Glas kosten“, sagt Tamara Kögl. „Da sieht man, dass Welschriesling auch bei hoher Reife  wunderbar die Säure halten kann. Immer elegant und nicht üppig wie andere Sorten zum Teil.“  Und reifen kann.

Das zeigt auch Peter Masser mit seinen Welschrieslingen. „Zuerst war ich nicht sehr glücklich darüber, dass auf einer unserer besten Lagen, Sernauberg, Welschriesling steht.“ Heute sieht der Winzer das anders. „Welschriesling kann mehr als ein frischer Wein sein, der in einem Jahr ausgetrunken sein muss. Das wird vielleicht nicht der große Weg sein, doch man kann so etwas auch zeigen.“ Damit meint Masser seinen Welsch­riesling IC, Ried Sernauberg, der interzellulär vergoren ist. „Mit Sauvignon blanc machen wir das schon länger.“ Seit 2017 nun auch mit Welschriesling. Die Fassprobe kommt kräftig daher. Körper und Säure in Balance. Im Holz vergoren. Definitiv kein Wein, der nach einem Jahr bereits zu schwächeln beginnt. Da halten Säure und Körper dagegen.

Die hohe Säure macht Welschriesling zudem zu einem feinen Partner im Süßwein. Auch das zeigt die Beerenauslese 2015 von Masser. Alles in Balance. Darum geht es ja auch im Wein. Und nicht um die Rebsorte. „Man hat mir geraten, nur die Lage auf meinen Wein zu schreiben“, so Thomas Straka über seinen Lagenwelschriesling Prantner, der 2013 bis 2016 mit einer Textur glänzt, die nachhaltig Eindruck schindet, und die man einem Welschriesling eben vielleicht nicht zugetraut hätte. „Aber ich möchte ja auch die Rebsorte stärken.“

Wobei Welschriesling als Rebsorte im Prinzip ohnehin alle Kriterien mitbringe, die heutzutage gefragt sind: „Es ist ein neutraler, säurebetonter und leichter Wein. Danach lechzt ja die ganze Welt“, sagt Sepp Muster. Und hat recht. Sein Welschriesling, der zum Großteil an die von Welschriesling-Vorurteilen freien Japaner geht, überzeugt mit Salzigkeit und Gerbstoff. „Da glaubt man immer, Weine mit wenig Alkohol können nicht reifen. Aber das kann super reifen“, so Tamara Kögl. Die Probe aufs Exempel liefert Katharina Tinnacher mit Welschrieslingen aus den Jahren 1990 sowie 1983. „90 steht super da“, ist Straka begeistert. „Ich bevorzuge 83“, lächelt Muster. Und so sind zum Glück auch in der weiten Welt des Welschrieslings Facetten für alle Weinliebhaber gegeben.

 

 

 

Weingut LacknerTinnacher
Steinbach 12
8462 Gamlitz
www.tinnacher.at

Weingut Peter Masser
Fötschach 41
8463 Leutschach
www.masser.cc

Weingut Maria & Sepp Muster
Schloßberg 38
8463 Leutschach
www.weingutmuster.com

Weingut Kögl
Buschenschank & Gästezimmer
8461 Ratsch a. d. W. 59
www.weingut-koegl.com

Weinbau Straka
Föhrenweg 4
7471 Rechnitz
www.weinbau-straka.at

 

NINA WESSELY

Fotos: Helmuth Lunghammer