„Wenn man nicht reist, versteht man nichts“

Erwin Wurm ist einer der aktuell bedeutendsten Künstler Österreichs. Mit seinen Werken hat er den Begriff der Skulptur prägend erweitert. 2017 vertritt er Österreich auf der Biennale in Venedig und hat eine eigene Ausstellung im Grazer Kunsthaus. Ein Interview über die Kunst, das Reisen und Bananen.
Enge Häuser, Museumspublikum als Ein-Minuten-Skulptur oder die Wurst als Plastik – das zählt zu Ihren Werken. Was bedeutet Ihnen das Skulpturale?

Die Arbeit im Dreidimensionalen ist ein bewusstes Bemühen um die Vorstellung der Welt. Und das macht mir Spaß. Sich so die Welt zu erarbeiten, zu erobern, sie zu erforschen und Fragen zu stellen. Wie kann ich etwa das Phänomen des Schlankheitswahns in der Skulptur darstellen? Bei „Fat Car“ etwa ging es mir um den Auswuchs einer Liebe zur Technik, die sich mit dem Menschlichen verbindet.

 

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Mit Narrow House thematisiert Wurm die Enge der Gesellschaft in den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Bild: Biennale 2011

Humor ist oft Teil Ihrer Arbeit.

Ich bin kein Witzeerzähler, aber die Fähigkeit, über sich zu lachen und die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen, relativiert vieles. Jeder sieht sich doch als Mittelpunkt der Welt – wir sind nun mal egozentrisch. Wenn man sich aber als Mittelpunkt zu ernst nimmt, ist das fatal. Wenn ich Themen wie Alter oder Besitz bearbeite, dann lachen die Leute oft. Das ist aber auch ein Zeichen der Verunsicherung. Neben Humor in meiner Arbeit spielt auch das Aktuelle, das Neue eine Rolle. Ich beschäftige mich viel mit aktuellen Entwicklungen.

Was beschäftigt Sie derzeit?

Wenn ich mir die heutige Zeit ansehe, vergeht mir das Lachen. In der Politik läuft vieles falsch, das ist eine Katastrophe. Die Österreicher werden geschröpft, um eine Politikerkaste zu erhalten, die ausschließlich für ihre eigene Klientel arbeitet. Das ist aber leider auch in den USA oder in China so. Ich stelle mir die Frage: Ist die Demokratie an ihre Grenzen gekommen? Bei uns wird eine lächerliche Bundespräsidentenwahl aus fadenscheinigen Gründen wiederholt. Man fühlt sich fast wie in einer Bananenrepublik.

Eine Anregung zur Wurm-Banane?

Nein. Aber ich wurde vom Architekturbüro Coop Himmelb(l)au einmal zu einem Wettbewerb eingeladen, um in Deutschland einen Nazi-Bau umzugestalten. Coop Himmelb(l)au wollte den Bau total verschließen und ich hätte eine große Banane darauf gesetzt. Ich fand die Vorstellung toll: Man fährt durch die Landschaft und da liegt eine riesige Banane, wo einst ein Nazi-Bau stand. Leider ist aus dem Projekt nichts geworden.

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Abstract Sculptures – Giant big, me ideal, Bronze, 2014 Foto: Studio Erwin Wurm

Auch keine Bananen für die Biennale 2017 in Venedig?

So etwas verrät man nicht. Ich kann nur so viel sagen: Es wird im Pavillon neue Arbeiten von mir geben, außen und innen. Aber derzeit kämpfen wir noch mit Genehmigungen, da die Italiener die Giardini zum Weltkulturerbe erheben wollen und die neue Leiterin des Denkmalschutzamtes etwas kunstfremd ist. Hier ist noch vieles offen.

Ist Ihnen die Biennale wichtig?

Für Künstler ohne Karriere ist es natürlich noch spannender, in Venedig vertreten zu sein – die Visibilität ist immens hoch. Nachdem ich auf der ganzen Welt bereits viel ausgestellt habe, brauche ich das so nicht mehr. Ich will eine gute Arbeit zeigen, die mich reizt und es freut mich natürlich sehr, das für die Biennale machen zu können.

2017 sind Sie auch im Kunsthaus Graz zu sehen. Verraten Sie dazu ein wenig mehr?

Es wird experimentell: Teile von bestehenden Skulpturen, eine neue Definition der Skulptur durch Worte und Gesten, performative Skulpturen, die man als Betrachter wirklich be-greifen kann und eine Weiterentwicklung von Skulpturen, die vor 20 Jahren entstanden sind. Es gefällt mir sehr, mit Günther Holler-Schuster, Kurator im Kunsthaus und selbst auch Künstler, zu arbeiten. Er ist nicht nur gescheit, sondern auch experimentierfreudig.


Biennale 2017

2011 hat Erwin Wurm Österreich auf der Kunstbiennale in Venedig mit Narrow House vertreten. 2017 ist er gemeinsam mit Künstlerin Brigitte Kowanz in der Lagunenstadt. Gemeinschaftsausstellung werde es keine, sagt Wurm. Kommissärin Christa Steinle sieht die Architektur als verbindendes ­Element der beiden Kunstschaffenden.
13. Mai – 26. November 2017
www.labiennale.org


Mit dieser Ausstellung kommen Sie in die Stadt Ihrer Jugend. Was verbindet Sie mit Graz?

Ich habe eine besondere Beziehung zu Graz. In dieser Stadt bin ich aufgewachsen und es verbindet mich natürlich die Geschichte, aber auch Familie und Verwandtschaft, die hier lebt, mit Graz. Ganz generell liebe ich die Steiermark.

Sie leben heute auf dem Land – in Limberg in Niederösterreich. Wie empfinden Sie das Ländliche?
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Rund eineinhalb Meter Häuslichkeit: Blick ins Bad von „Narrow House”, 2010 Foto: Studio Erwin Wurm

Am Land ist natürlich vieles anders als in der Stadt. In der Stadt hast du mehr kritische Geister. Am Land lebt die Bevölkerung in einem anderen Umfeld. Wir sind in Limberg auf fünf Hektar mit mehreren Hallen und viel Platz. Es ist ein stetes Kommen und Gehen. Ich habe mehrere Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin meinte kürzlich, wir führen hier einen Turbobetrieb.

Wie laden Sie Ihren Turbo auf?

Ohne mich geht natürlich nichts, aber ich laufe nicht immer mit auf Turbo. Ich ziehe mich auch oft zurück, um nachzudenken, Neues zu entwickeln. Ich bin mehr gestalterisch tätig – das gibt mir Energie. Und wenn ich meine Ruhe brauche, gehe ich ins Wohnhaus und sperre die Türe hinter mir zu.

Hat sich Ihre Herangehensweise an die Kunst im Laufe der Jahre verändert?

Ich versuche, immer eine kritische Distanz zu meinen Werken aufrechtzuerhalten. Wenn man intensiv arbeitet, gelingt das oft nicht und die Distanz bricht zusammen. Man ist dann einfach zu nahe dran. Dann trete ich wieder einen Schritt zurück und versuche, das Werk aus einer fremden Perspektive zu betrachten. Erst so kann ich beurteilen: Ist es gut oder schlecht? Oft geht das natürlich auch daneben. Vieles wird dann weggeworfen oder zerstört.

Braucht es Mut, um ein Kunstwerk zu zerstören?

Nein, braucht es nicht. Schlechtes stehen zu lassen, braucht weit mehr Mut.

Als Künstler sind Sie auch viel unterwegs.

Wenn man nicht reist, versteht man nichts. Durch eine Reise wird das Verhältnis des eigenen Landes zum Rest der Welt eindeutiger. Ich mache mir um unser Land Sorgen und sehe die Gefahr des Stillstandes in Österreich. Wer nach Asien blickt, sieht, wie arbeitswillig und zukunftsorientiert die Menschen dort sind. Und wir machen uns Gedanken um unser Sozial- und Pensionssystem …

Wie reist ein Erwin Wurm?

Privat und beruflich viel. Hongkong ist großartig und auch Japan fasziniert mich immer wieder. Früher habe ich mir die Destinationen mehr angesehen, doch wenn man so viel unterwegs ist, muss man fokussieren. Heute gehe ich in bestimmte Museen oder Galerien. Das reicht mir. Ich freue mich auf interessante Leute und Gespräche und bin meist nur mehr kurz unterwegs. Ich komme gerne wieder nach Hause.

Kunsthaus Graz

Ab März 2017 zeigt das Kunsthaus Graz eine Einzelschau des Künstlers Erwin Wurm. Ein wenig Bekanntes, viel Neues, einiges neu interpretiert – auf jeden Fall experimentell ist die Ausstellung angelegt.
24. März bis 27. August 2017
museum-joanneum.at/kunsthaus-graz

 

MARIA SCHOISWOHL

Beitragsbild: Inge Prader